Manche Trägodien bringen Helden hervor, andere dagegen Monster

Gestern sind durch einen tragischen Vorfall auf der Loveparade mindestens 18 Menschen zu Tode gekommen. Schlimm genug, diese Sache, und die auch (ziemlich übliche) mediale Ausschlachtung eines solchen Vorfalls. So hat BILD online zum Beispiel Bilder von den toten Opfern der Massen-Panik gezeigt.

Und selbstverständlich findet in der Welt da draußen kaum ein Ereignis statt, das nicht auf twitter kommentiert wird. Bei solch einem Vorfall gibt’s natürlich umso mehr Kommentare dazu. Selbstverständlicherweise gibt es Twitpics und sogar kurze Video-Mitschnitte von Augenzeugen – und ne ganze Menge von Leuten teilen sie fleißig weiter durch ihre Timelines, sodass man stundenlang überhaupt nicht an dem Thema vorbei kommt. Als dann die Fotos auf BILD online zu sehen waren, ging natürlich ein moralapostelmäßiger Aufschrei los! Furchtbar, pietätlos, unmoralisch und überhaupt und sowieso. Nicht zu verantworten sei sowas, gerade für ein Massenmedium!

Achso? Wenn ihr sowas twittert/retweetet geht das okay, aber wenn BILD es online stellt ist das hochgradig verwerflich? Ja ne, ist klar. Hallo Doppelmoral sag ich nur.

Es ist speziell von der BILD wirklich nicht besonders schockierend, wenn die solch moralisch bedenklich bis verwerfliches Material benutzen. Das ist man doch eigentlich schon gewohnt. Wer den BILDblog verfolgt, liest regelmäßig von den Rügen des Presserats, die der Springer-Verlag für solches und ähnliches Verhalten bekommt. Nicht, dass es aufgrund der Gewohnheit nun in Ordnung ginge, das auf keinen Fall. Aber zu schreiben, dass die BILD ja pfui-bah-Sachen macht und selbst vorher ähnliches zu tun ist ziemlich dämlich, ne?

Und weiter mit dem Pushen von Aufmerksamkeit auf die pöse, pöse BILD: „Redaktion von @Bild_aktuell, bitte entfernt die Fotostrecke auf eurer Seite, ist auch so schlimm genug – pls RT!“ oder  „Auf BILD Fanpage kommentieren und Entfernung der Fotos fordern! (Link zur FB-Fanpage)“ Ja klar, Klicks, Klicks, Klicks! Aber nur um zu meckern und anzuprangern versteht sich. Kennt ihr noch den alten (heute nicht mehr ganz so überzeugt vorgetragenen) Satz „Any PR is good PR“? Wenn ein Medium Aufmerksamkeit erregt ist – ganz besonders in solch speziellen Fällen – das größte Ziel erreicht. Unabhängig vom Inhalt ist der Vorfall für BILD mal wieder ein echtes Glück. (Nein, ich unterstelle der Zeitung hier nicht, dass sie den Vorfall an sich gut findet oder so. Deswegen sage ich auch „unabhängig vom Inhalt“ – verständlich ausgedrückt?).

Um Mitternacht fängt dann noch ein „Medium“ an, sich selbst zu feiern, mit Kommentaren wie „Die Bilder sind weg, und da sag noch mal einer, dass twitter nichts bringt!“. Abgesehen davon, dass die Bilder auch eine Stunde später noch online sind, hoffe ich, dass keine dieser Personen ernsthaft daran glaubt, dass twitter ein richtiges Massenmedium wie die BILD zu irgendetwas bringen würde? Mit 270.000 aktiven, deutschsprachigen Nutzern im Mai (deutschsprachig, das schließt also auch Schweizer oder Österreicher ein), das entspricht der Einwohnerzahl von Münster oder Gelsenkirchen, aber nicht mal beiden zusammen, soll also ein sogenanntes Volks-Blatt zu einer Aktion gebracht werden? Wer das ehrlich glaubt ist entweder zum Himmel schreiend naiv oder vielleicht auch einfach nicht besonders intelligent. Oder auch nur ziemlich selbstgefällig. Aber Hauptsache, man hat sich aufgeregt und es allen Leuten mitgeteilt! Mit Links!

Scheinheiligkeit und Doppelmoral herrschen fast überall vor. Keiner liest die BILD, aber alle wissen, was drinsteht.

Auf der Autobahn bei einem Unfall als Gaffer rumzustehen und Rettungsmaßnahmen zu behindern kann eine Straftat sein. Als Schaulustiger oder Katastrophentourist bei großflächigeren Schäden extra anzureisen wird von der Gesellschaft verachtet. Nur online auf sozialen Netzwerken moralischen Müll wie in diesem Fall weiter zu verbreiten scheint noch als ziemlich „cool“ und „informativ“ zu gelten – oder warum sonst wird es so extrem betrieben?

Und bevor jetzt noch mehr publiziert wird, was mir die Galle hochtreibt, belass ich es lieber hierbei.

5 Gedanken zu „Manche Trägodien bringen Helden hervor, andere dagegen Monster“

  1. Ich finde, es lohnt sich nicht, sich darüber aufzuregen. „Die Welt da draußen“, so wie du sie nennst, existiert ja gar nicht. Sie ist bloß eine Reflexion unserer inneren Welt. Und so haben wir alle durch unser Kollektivbewusstsein dazu beigetragen, dass dieses Unglück passieren konnte.
    Du auch. Ich auch.
    Arbeiten wir lieber an unseren eigenen Monstern in uns drin, dann werden solche Tragödien in Zukunft immer seltener.

  2. Pingback: Falk Ebert
  3. Pingback: Schellman
  4. Pingback: eastcost75
  5. Danke. Gut gesprochen.

    Ich habe den Tag über einfach keinen Link angeklickt, hinter dem sich die BILD hätte verstecken können und abends gemütlich den Tagesschau-Stream nachgeschaut.

    Keine Leichen, keine Verletzten und trotzdem alle Infos die mich interessiert haben.

    Die BILD ist am besten, wenn man sich nicht mit ihr auseinandersetzt.

    Grüße!

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