Keine Prognosen für 2011

Beim Spiegel Stern Online-Ableger gibt’s mal wieder Qualität Klickstrecken vom Feinsten: Zehn Dinge, die 2011 (fast) aussterben werden tituliert der Elfseiter (plus Fotostrecke mit Symbolbildern natürlich). Geht ja schon gut los: man leitet gleich ein, dass keiner dieser Trends neu ist, sondern sich 2011 nur verstärken wird. Überschriftenthema ist damit schon mal irrelevant, aber auf „Zehn Dinge, die genau den selben Abwärtstrend wie 2010, 2009 oder gar 2008 verfolgen“ würde natürlich niemand klicken. Aber schauen wir trotzdem mal, was wir da haben:

  1. Handschriftliche Briefe
    Okay, war ja klar dass sie mit was vernünftigem Anfangen, sonst hätten wir eh alle nicht weiter geklickt. Punkt für euch (aber neu ist der Trend wirklich nicht gerade).
  2. Postkarten
    No mail today…
    Katzenfalle
    Foto von kaiser_t (flickr) CC by-nc-nd 2.0

    Hm, ziemlich nah dran am ersten Punkt, ne? Wobei für mich persönlich als begeisterte Postcrosserin die Postkarte so schnell ganz bestimmt nicht aussterben wird, aber das ist eher ein Hobby und hat eine andere Bedeutung als früher. Ich sehe aber ein, dass die Mehrheit lieber ein selbst geschossenes Foto auf Facebook hochlädt. Doch auch hier gilt: Das ist nicht erst seit 2010 so…

  3. Papierfotos
    Fand ich ja schon immer grausam und wäre froh, wenn sie weg wären: Furchtbar schlechte Ausdrucke von Schnappschüssen die mit irgendeiner „tollen“ Digicam gemacht wurden. Oh halt, das meinen die gar nicht? Geht schlichtweg um entwickelte Fotos im Gegensatz zu den digitalen. Also vernünftig entwickelte – respektive gedruckte – Bilder werden sich bestimmt nicht so schnell verabschieden. Sicher, es wurden und werden weniger, vor allem, weil man sich seine Bilder auch vor der Entwicklung mal in einer vernünftigen Größe ansehen und feststellen kann, dass die total unscharf oder einfach nicht ansehnlich sind. Ist doch gut, Selektion zur Qualitätswahrung. Die guten Bilder werden weiterhin für Mutti, Omi und den Wohnzimmerkamin entwickelt, in einen Rahmen gesteckt und verschenkt. Da schafft auch der digitale Bilderrahmen so schnell keinen Ersatz für. Jedenfalls so lange nicht, bis die Hersteller endlich begreifen, dass der Rahmen für ein Bild nach seinem Aussehen ausgewählt wird. Echte Marktlücke: hübsche digitale Bilderrahmen.
  4. Lexika und Wörterbücher
    Schon wieder so eine Formschieberei. Ja, es wird keine Wörterbücher mehr geben in Zukunft – abgesehen von den Exemplaren, die Schüler kaufen müssen um sie mit in die Klausur nehmen zu können jedenfalls. Aber Nachschlagewerke, die sich übrigens durch „Datensammlung“ und nicht durch „auf Papier gedruckte Datensammlung“ definieren, gibt es selbstverständlich weiterhin, und immer größer, toller und besser. Nur das Medium hat gewechselt – huch, das ist ja wie bei den Briefen, Postkarten und Fotos auch…?
  5. Die CD
    Nein, gemeint ist nicht die platte Scheibe für Laufwerke auf denen man irgendwelche Daten zeitweise festhalten kann, das wäre ja wieder zu einfach. Gemeint ist ausschließlich die mit Musik bestückte Fertig-Variante der CD, die man im Laden kaufen kann und deren Käufe zur Erstellung sinnbefreiter „Charts“ genutzt werden. Da die Musik-CD im Gegensatz zur Vinylschalplatte keine charmanten Nebengeräusche enthält und auch nicht so ein breites Frequenzband abdeckt, gibt es auch keinen Grund, der Musik-CD nachzuheulen. Können wir dann nicht bitte auch gleich die Charts mit abschaffen?
  6. 2D-Filme
    Stimme ich theoretisch zu, in den großen Kinos sind ja bereits alle mit 3D-Technologie ausgerüstet und die kleinen werden im Laufe der Zeit nachziehen (oder auch nicht). Ich glaube nur nicht, dass das so schnell innerhalb eines Jahres passieren wird, dass nur noch 3D-Filme gezeigt (und auch produziert) werden. Vor allem solange wegen der derzeit genutzen Technologie noch viele Leute über Kopfschmerzen, Übelkeit und ähnliches klagen. Aber tendenziell stimme ich zu.
  7. Festnetztelefonate
    Viele Leute schaffen ihren Festnetzanschluss ab weil sie ihn „neben dem Mobiltelefon zu teuer finden oder sowieso kaum daheim sind“ – aha? Davon hab ich noch gar nichts bemerkt. Und das, obwohl ich die letzten zwei Jahre ohne Festnetzanschluss lebte – mir gerade in der neuen Wohnung aber wieder einen legen lies. Derzeit bester Grund dafür: Die wirklich ü-b-e-r-a-l-l vorhandenen Flatrates ins Festnetz hinein, die einem hinterhergeschmissen werden. Ich telefoniere viel mit meiner Familie und für schnelle Absprachen hin und wieder auch mit vielen anderen Leuten – und damit soll ich meinem Handynetzbetreiber (pro angebrochener Minute in ein Fremdnetz!) noch mehr Geld in den Rachen werfen? Nee, danke. Ich bleibe beim Festnetzanschluss und kann das für meine unmittelbare Umgebung ebenso bestätigen – und aus diesem einfachen Grund glaube ich auch nicht, dass die Festnetzanschlüsse wirklich (fast) aussterben. Da müssten die Mobilfunkanbieter schon ein bisschen bessere Angebote unterbreiten.
  8. Diskussionen
    Zur Erläuterung: Es geht darum, dass alle Fragen eines Gesprächs sofort ergoogelt werden und Halbwissen von Wikipedia gezogen, denn man hat ja ein Smartphone. Diese Sitte bemerkte ich schon recht häufig und fand es teilweise auch ein bisschen schade, weil das allseits beliebte Herumraten dadurch tatsächlich ausstirbt. Aber: Menschen unterhalten sich doch trotzdem weiter. Frage 5 Leute und du kriegst 10 unterschiedliche Meinungen – dieser Satz behält auch weiterhin seine Gültigkeit, da Meinungen nicht googlebar sind und jeder sowieso zu allem eine Meinung haben muss. Wenigstens ist jetzt bei diesen Gesprächen die Faktenlage leichter zu klären.
  9. Wecker
    Ich hab noch einen :) Aber nur, weil er so hübsch ist und ein Geschenk war. Ansonsten stimme ich hier tendenziell wieder zu, glaube aber nicht, dass das jetzt so schnell gehen wird. Die ältere Generation, also zum Beispiel die 68er oder ähnliche, hält nicht so viel von Strahlung absondernden Geräten. Ein Handy neben dem Kopfkissen? Niemals! Natürlich wird diese Generation von der Bildfläche verschwinden und die nachfolgenden das nicht mehr so sehen – aber bestimmt nicht in 2011. Und spätestens seit ab dem 02. Januar Apple da irgendwelche sehr merkwürdigen Probleme hat(te) denkt der ein oder andere vielleicht doch nochmal über einen Radiowecker nach…
  10. Echte Freunde
    Der Abschluss ist jawohl ein Witz. Nein, dazu sage ich jetzt nicht das selbe, was schon in hunderttausend anderen Blogs geschrieben wurde. Ich möchte bitte ein großes Handtuch, zum Reinbeissen. Danke.

So, das war die erbauliche Liste von SpOn vom Stern beziehungsweise eigentlich sowieso DPA. Aber keine Sorge, auf relevantere Themen wie E-Reader wird ganz kurz im Erläuterungstext auch eingegangen. Naja, sagen wir, sie werden kurz erwähnt. Auch DPA schreibt schließlich eigentlich hauptsächlich für das klassische Medium im Printbereich. Ach, was hab ich eigentlich erwartet…

Sagt ihr mir lieber, was ihr von den einzelnen Punkten bzw. meinen Sichtweisen dazu haltet? Am liebsten sind mir ja immer gut dargelegte Gegenmeinungen („Meinungen“ da man hier ja nicht so gut argumentieren kann, so fachlich und so, ohne Statistik studiert zu haben jedenfalls. Wer das hat, darf gerne mit richtigen Argumenten kommen).

2 Gedanken zu „Keine Prognosen für 2011“

    1. husthust, das ist eine überaus gute Frage! Weil ich der festen Überzeugung (gewesen) bin, dass das aus meinem süßen Spiegel Online Nachrichten Widget kam, das natürlich normalerweise keine Artikel vom Stern verlinkt. Scheint aber nicht zu stimmen, offensichtlich, also korrigier ich das mal… Danke für den Hinweis!
      Ich werde mir jetzt garantiert das ganze Wochenende den Kopf zerbrechen, wo ich den Link her hatte, denn ich lese nie Stern o.O

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