Gestern abend fand wieder ein Social Media Club Hamburg statt, diesmal gesponsert von Microsoft unter dem Titel “DigitalConsumerDay”. Erst einmal auch an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Organisatoren sowie die Sponsoren, die die Location Elbdeck ermöglichten (schniekes Restaurant btw).

Es gab drei Vorträge und eine anschließende Diskussion, welche ich zwar spannend von der Thematik fand, aber leider doch nicht besonders gut (re)präsentiert und/oder vorgestellt. Deswegen breche ich jetzt auch mit meiner üblichen Regel, dass die meisten Event-Nachberichte nichts taugen, und will hier doch meine persönlichen Eindrücke schildern.

Vorab will ich noch sagen, dass die Situation der Location nicht ganz optimal für diesen Zweck war. Von der Präsentationsfläche konnte ich im besten Fall die oberen zwei Drittel erkennen, leider spielten sich Hauptelemente einiger Präsentationen irgendwie im unteren Drittel ab. Auch das Vortragen der Referrenten an sich fand ich bei keinem 100%ig gelungen – entweder zu krass und ablenkend oder zu langweilig und/oder nicht angenehm vorgetragen. Schade, denn normalerweise bin ich gerade von Veranstaltungen des Social Media Club sehr professionelle Referenten gewohnt. Vielleicht bin ich auch schon zu sehr verwöhnt?

Nun jedenfalls zu den Inhalten der Vorträge:

Als Erster an den Start ging Oliver Leisse von der Trendforschung See More mit dem Thema “Mensch im Mittelpunkt“. Dazu möchte ich zunächst einmal sagen, dass der Herr unglaublich schnell spricht (was er auch gleich am Anfang anmerkte – “Einsicht ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung” mag er sich nicht so zu Herzen nehmen scheint mir). Deshalb habe ich wahrscheinlich gar nicht alles mitbekommen was er so erzählt hat, vor allem weil die unglaublich schlimmer-als-MTV-artige Präsentation meine volle Aufmerksamkeit in Beschlag nahm. Ich muss wirklich sagen, dass es unglaublich anstrengend war, dem Vortrag zu folgen.

Letztendlich ging es die gefühlte erste halbe Stunde um die Vorstellung der grundlegenden Arbeit von See More. Viel größere Substanz folgte im gesamten Vortrag auch nicht unbedingt, abgesehen vom Kernpunkt der drei (aus 36) vorgestellten “Insights” in Thesen-Form:  “Simplicity, Nowness and Emotion”. Darunter vorstellen kann sich eigentlich jeder etwas, der es schafft, die englischen Begriffe ins Deutsche zu übersetzen. Benutzer wollen keine komplizierten Oberflächen, sie wollen alles möglichst schnell und sie wollen es emotional. Ich frage mich persönlich allerdings, wofür ich nun einen Trendscout (oder wie auch immer man die Dienstleister bezeichnen möchte) gebraucht habe? Das Menschen Komplexität (insbesondere dann, wenn sie sie bedienen sollen) hassen ist ja nun weder neu noch aktuell. Das die digitale Gesellschafft es mehr und mehr eilig hat ebenfalls. Und das man Zuschauer/Leser am ehesten für sich gewinnt, wenn man tolle Geschichten erzählen kann, am besten noch mit Identifikationsfiguren, predigen die Werbe- und Marketingindustrie schon seit ich jemals von sowas gelesen habe.

Sehr übel aufgestoßen ist mir hier noch die Darstellung der aktuellen Situation der Gesellschaft: Männer und Frauen leiden anscheinend wohl an unterschiedlichem Stress. Männer haben primären Stress bei Arbeit, Karriere und Ängste, dass die Familie nicht versorgt werden kann, während Frauen im Stress sind, perfekte Mutter, Hausfrau, Managerin (von was auch immer) und Partnerin zu sein, in genau der Reihenfolge. Dafür gab es bereits direkt während des Vortrags böses Feedback (absolut nachvollziehbar für mich) – und bevor die Diskussion nach dem letzten Vortrag eingeläutet wurde bemühte sich Oliver Leisse zu erklären, dass es selbstverständlich nicht sein persönliches Frauenbild sei, sondern aus unabhängigen Studien unter anderem von “Brigitte” und Ähnlichen stamme. Klar, die Brigitte produziert ja auch total repräsentative Studien. Sorry, aber wer sich solcher Quellen bedient kann auf einer Veranstaltung wie dem Social Media Club froh sein, dass wir zu zivilisiert sind um mit Gegenständen zu werfen. Ich sage einfach nur noch “Zielgruppenrelevanz” und schenk mir die restlichen Anmerkungen dazu.

Nun weiter zum zweiten Vortrag: Ralf Herbrich von Microsoft Fuselabs stellte mit dem Thema “Revolution in digitalen News” einen gewagten Titel voran, konnte aber immerhin inhaltlich auch ein bisschen was vorweisen. Zunächst ging es kurz um soziale Netzwerke, im Besonderen Twitter und Facebook. Dazu gabs ein paar interessante Zahlen, zum Beispiel dass auf zwei publizierende Twitter-Nutzer ganze acht nur-Lesende kommen. Dies spricht insbesondere für die Reichweite des Kanals, die man als Nutzer gar nicht unbedingt so wahrnimmt. Auch Facebook ist mit 30 Millionen externen Links die monatlich geteilt werden ein sehr großer Verbreiter.

Konkret vorgestellt wurden dann zwei Projekte von den Fuselabs. Das erste heißt Emporia und bietet eine Art von Nachrichtenaggregator, der sich seine Filtermechanismen aus einer Mischung von künstlicher und menschlicher Intelligenz bildet. Das Empfehlungsprinzip kennen alle von Amazon oder auch Last.FM, wo ähnliche Artikel bzw. ähnliche Musik zu den bisherigen Vorlieben vorgeschlagen werden. So filtert Emporia die Links, die via Social Network bezogen werden, einerseits nach Vorlieben anderer User, gibt einem aber gleichzeitig per “Like” und “Dislike” die individuelle Note. Durch mehr Bewertungen wird der Filter also auch immer individueller und trifft mit höherer Wahrscheinlichkeit genau das, was einen interessiert.

Schade hierbei aber, dass die “personalisierte Online-Zeitung” (auf das läuft es in etwa hinaus, da es ja um Filterung von News geht) ein Thema ist, dass zumindest für mich bereits abgehakt und als Misserfolg verbucht ist. Es gibt ähnliche Anbieter, die verschiedene Filtermechanismen anwenden – die mögen vielleicht auch nicht so gut sein wie das hier entwickelte – doch das Grundprinzip, dass ich gefilterte News brauche, ist schlichtweg gar kein Bedürfnis bei mir. Ich komme sehr gut damit voran schlichtweg mein Gehirn zu benutzen und lasse mich von Schlagzeilen triggern – oder auch nicht. Und das reicht mir einfach.

Ein zweites Tool namens “Montage” (nein, nicht der Plural des verhassten Wochentages, sondern die Montage wie der Ein- oder Aufbau) fand ich interessanter. Hier geht es darum, Medien in einen Blogbeitrag einzubetten. Meine Mithörer und spätere Nachfrager scheinen den Zweck dahinter nicht so auf Anhieb verstanden zu haben wie ich, stellte ich später fest. Jedenfalls kann man per Montage sehr einfach Videos, Bilder oder auch eine kleine Twittwall zu einem Hastag in einen Beitrag einbetten und das ganze auch noch ohne großes Layoutgefrickel hübsch im Beitrag anordnen. Was wie erwähnt wohl anfangs nicht so rüberkam: Ja, man schreibt trotzdem mit seinen eigenen Worten einen Artikel oder eine Nachricht zusammen. Es wird nur leichter, das ganze hübsch und interessant zu gestalten.

Kleine Angst dabei ist, wenn so ein Tool in die Hände der Masse gerät, dass wir eine Art “Myspace für Blogs” erleben werden, in dem jegliche Übersichtlichkeit verloren geht, Urheberrechte im übergroßen Stil verletzt werden und das Teilweb an dieser Stelle alles andere als schön anzusehen sein wird. Aber das ist natürlich von den Nutzern abhängig.

Dieser Vortrag ist im Nachhinein übrigens der beste des Abends gewesen, denn die Präsentation war klar, strukturiert, nicht überladen und auch das Vortragen war trotz einigen Hasplern oder Wortvertauschern charmant vorgetragen und wirkte einfach authentisch (egal wie abgedroschen dieses Wort jetzt ist).

Der dritte Vortrag, gehalten von Christian Weghofer (Microsoft) titelte “Der Posteingang als Kommunikationszentrum“. Es ging also um die gute alte Email, die nach Aussagen von Weghofer keineswegs tot sei, sondern sich im Gegenteil ständig weiterentwickle. Zunächst gab es einige Zahlen aus statischen Analysen der Hotmail-Nutzer: Die größten Bereiche im Posteingang machen Benachrichtigungen sozialer Netzwerke (15%), Nachrichten von Verkaufs- und Handelsportalen wie eBay, Amazon, aber auch Reisebuchungen, -bestätigungen etc. (ebenfalls 15%) sowie an dritter Stelle die private Kommunikation aus. Der Rest sind das große Rauschen wie bspw. Newsletter usw.

Anschließend wurden Analysen der Nutzerprobleme vorgestellt. Ein großes Problem sei zum Beispiel die Limitierung der Anhang-Dateigrößen, bestes Beispiel beim verschicken von Fotos. Die derzeitige Lösung sieht so aus, dass der Nutzer die Fotos dann bei Flickr, Picasa oder anderen hochlädt und dem Freund statt dem anhang einen Link dorthin schickt. Dies ist unpraktisch für den Uploader wie auch Betrachter, da das Medium gewechselt wird (von Email auf Web). Bei Hotmail wird daher die Lösung in Form eines virtuellen Speichers angeboten, wo der Nutzer direkt im Hotmail-Interface die Fotos hochladen kann. Als weitere Lösungen von Problemen sollen Social Networks wie Twitter und Co. direkt in Hotmail integriert werden, außerdem auch Instant Messanging oder durch Webapps die Möglichkeit zur Erstellung von (Text-)Dokumenten. Für die Zukunft sind außerdem Tools geplant, mit denen sich bspw. Bilder und Videos direkt online bearbeiten lassen.

Moment mal – nutzt jemand von euch Google Mail? Okay, dann hättet ihr das alles gar nicht lesen brauchen, denn für Nutzer von GMail sind 90% davon sowieso längst Realität. Ich hatte aber zu viel Respekt um den armen Vortragenden so direkt bloßzustellen, ist ja kein so schönes Gefühl.

Na gut, einen weiteren Punkt gab es noch für die Zukunft der Email: Es soll mehr Interaktivität innerhalb einer Mail möglich werden. Zunächst hielt ich das für eine gelinde gesagt total dämliche Idee. Aus der zwangsläufigen Sichtweise meines Arbeitsalltages jedoch fände ich solche Möglichkeiten nicht so abwegig und auch gar nicht soo blöd. Es stellt sich allerdings weiterhin die Frage, in wie weit diese Thematik für den durchschnittlichen (Privat-)Anwender relevant ist, nicht nur für mich aus beruflicher Sicht.

Direkt nach den Vorträgen ergab sich schleppenderweise eine kleine Diskussion, in der einige Meinungen geäußert wurden, nach denen ich am liebsten “Amen!” gerufen hätte. Geklärte Nachfragen habe ich oben zwecks besserer Übersicht bereits mit aufgegriffen, doch eine Frage fand ich noch recht spannend von den Referenten beantwortet zu wissen: “Muss man wirklich alle seine Tweets lesen?” fragte sinngemäß jemand. Dabei schien für den Beantwortenden wohl kein “Nein” ausreichend zu sein, wie ich sowie mein komplettes Umfeld es kurz und bündig gesagt hätten. Nein, also ja, also man müsse sich seine persönlichen Filtermechanismen überlegen um nichts zu verpassen, etc., blabla.

Diese Antwort fand ich sehr symbolisch für den ganzen Abend: Entweder an den Bedürfnissen vorbei, oder aber von einer völlig anderen Wahrnehmung ausgehend als bei den Anwesenden der Fall. Und trotzdem fand ich den Abend gelungen, denn mal ehrlich, was ist ein besseres Gesprächsthema beim anschließenden Networking als sich über die völlig abweichenden Sichtweisen gegenüber den Referenten zu unterhalten? Ich würd glatt nochmal auf so ein Microsoft-Event gehen, wenn das Publikum dem heutigen ähnlich wäre. Zustimmend nicken ist doch total langweilig.