60-90-60 = -90

Normalerweise entziehe ich mich diesen (meines Erachtens) ständig geführten Diskussionen zu Frauen, Gewicht, Idealvorstellungen und so weiter eigentlich. Aber so allmählich bin ich jetzt mal wieder gehörig genervt.

Ich bin dünn. Juchu? Meine Freundinnen haben früher gesagt, ich könne mich doch glücklich schätzen, dem Schönheitsideal zu entsprechen ohne mich irgendwie mit meinem Gewicht beschäftigen zu müssen. Sie wären ja alle viel zu fett und überhaupt und sowieso. Dabei war ich immer neidisch auf sie, denn sie sahen schlichtweg für mich ganz normal und hübsch aus.
Seit ich denken kann kritisiert man in der Medienlandschaft die Magermodels und was solche Vorbilder mit unserer Jugend machen. Regelrechte Initiativen wie „in den 50er Jahren waren tolle Kurven das Schönheitsideal und es gab Wundermittelchen zum Zunehmen“, „Männer wollen doch auch was zum anfassen haben“ und so weiter begleiten mich mindestens seit der Pubertät. Toll, schön wenn man sich was gegen die (wirklich teilweise abartig aussehenden) Hungerhaken ausdenkt. Und gut, wenn junge Mädchen aufgeklärt werden, dass Ana keine nette Freundin ist.

Und warum rege ich mich jetzt auf? Von allen Seiten wird mir immer wieder bestätigt, was für eine tolle Figur ich doch habe, super, klasse, „du solltest Modell werden!“ habe ich früher oft gehört. Danke, lieb gemeint, aber es nervt mich. Denn seit ich mich erinnere, war ich mit meiner Dünnheit doch eher die Ausnahme. Zu Schulzeiten gingen Gerüchte um, ich sei magersüchtig, Mädchen aus der Clique verbreiteten munter jedem der es hören wollte, nachdem ich einen Apfel gegessen habe sei ich aufs Klo gerannt und hätte gekotzt, meine Lehrer haben mich ständig gefragt ob ich drogenabhängig sei (wie sonst ließe sich das Desinteresse einer Teenagerin am Unterricht nur erklären?). Ja, es ist wirklich ganz toll, so total diesem merkwürdigen „Schönheitsideal“, hinter dem aber niemand steht (denn Frauen mit Kurven sind ja sowieso viel toller!), anzugehören. Es macht wirklich Spaß, sich Klamotten aus der Kinderabteilung auszusuchen, wenn man keine Lust hat, die Oberteile im Brustbereich enger zu nähen. Und es ist auch so gar nicht nervig, ständig um etwas das man sich weiß Gott nicht ausgesucht hat, für das man absolut gar nichts kann und was man am liebsten niemals haben wollte, beneidet zu werden oder irgendwelche zwielichtigen, wenn auch nett gemeinten Komplimente zu bekommen.

Aber wisst ihr, was mich an dieser ganzen Geschichte viel, viel, viel mehr nervt? Ich habe einen Bruder, der so ziemlich genau die selbe Figur hat wie ich. Groß, dünn, schlaksig. Nur im Gegensatz zu mir ist er wohl kaum mit seinem Busen unzufrieden, ihm wird nie hinterhergepfiffen, die anderen Jungs auf der Schule haben ihn wohl kaum beim Essen beäugt oder irgendwelche Gerüchte über ihn in Umlauf gebracht und soweit mir bekannt ist hat ihn auch nie ein Lehrer gebeten nach der Stunde unter vier Augen mit ihm zu sprechen, weil er sich aufgrund seiner Figur Sorgen um ihn mache. Ihm hat nie irgendjemand erzählt dass Frauen ja Bierbäuche viel sexier finden würden, dass seine Katalog-Figur doch allen anderen ein schlechtes Gewissen machen würde, dass er doch gefälligst mal richtig essen solle, dass er seine Figur doch nicht oder gerade doch in weiten Klamotten verstecken solle oder sonst irgendeinen Scheiß!

Mit 25 Jahren würde ich so weit gehen zu behaupten, dass ich allmählich erwachsen bin und die Pubertät hinter mir gelassen habe. Und diese verdammte Diskussion hört trotzdem nie auf, mir auf die Nerven zu gehen. Können wir als Gesellschaft nicht einfach akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Figuren haben und anschließend weitermachen und über etwas anderes reden?

7 Gedanken zu „60-90-60 = -90“

  1. Hhhmm, deine Erfahrungen in allen Ehren, aber ich finde, dass zum Erwachsensein (schreckliches Wort!) auch(!) dazu gehört, einfach mal Meinungen anderer Leute zu ignorieren. Lass sie reden. Über Figur. Über Autos. Über Kleidung. Über Macs. Whatever. Lass sie einfach reden. 😉

    1. Es geht mir auch weniger um die Meinungen einzelner Leute, die lass ich längst reden 😉 Aber wenn solche Themen es, wie aktuell eben wieder, auch auf Spiegel Online schaffen, dann sind das eben keine einfachen Meinungen von ein paar Leuten mehr, sondern wieder mal eine Sache der ganzen Gesellschaft. Und „die Gesellschaft“ soll meines Erachtens bitte endlich aufhören, sich darüber zu streiten, was für ein Gewicht Frauen haben sollten, sondern die Frauen einfach in Ruhe lassen.

  2. Ich kann Dich verstehen. Musste mir auch immer anhören, ich solle mal was essen, damit bei mir was auf die Rippen kommt. Alles was anders ist als diese Leute selbst, ist außerhalb der Regel. Das ist eine sehr eindimensionale Sichtweise…

  3. Aber liebe Taalke, weil es auf SPON steht, ist es doch nicht Ausdruck der gesellschaftlichen Meinung/der Meinung aller. Vor allem in der Netzwelt nicht. Ich spreche da aus Erfahrung. 😉

  4. Man läuft ja auch nicht zum Schneider, um sich die Oberteile im Brustbereich enger nähen zu lassen, sondern zum Schönheitschirurgen, um sich den Brustbereich aufblasen zu lassen.

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