Gedanken zu inklusiver Mode

Ich habe kürzlich diesen Artikel über inklusives Modedesign gelesen: Wenn gar nichts passen kann – Sueddeutsche.de. Dazu sind mir sofort ziemlich viele Gedanken durch den Kopf gerast, die ich jetzt mal versuchen will, geordnet nieder zu schreiben.

CC-BY Elvert Barnes
CC-BY Elvert Barnes
„Inklusive Mode für Menschen mit Beeinträchtigung“ – schafft das nicht, durch den speziellen Zweck, erneut eine eher ausgrenzende Randgruppe? Auch wenn dies der erste Gedanke dazu war, so muss ich nach längerer Betrachtung eindeutig mit „nein“ antworten. Denn Mode richtet sich schon immer nur am bestimmte TrägerInnen als Zielgruppe. Bikinis für Frauen, da beschwert sich meines Wissens nach auch kein Mann und keine Frau darüber, und das, obwohl Männer davon ausgegrenzt werden. Genauso könnte man das Beispiel mit den im Artikel bereits erwähnten Gruppen wie Schwangeren machen. Oder auch dicken Leuten, die mittlerweile ganz eigene Modelinien mit klangvollen Namen wie „Big is beautiful“ haben, über die sich dünnere Leute ja auch nicht beschweren.

Mode erfüllt viele Zwecke. Bekleidung dienst längst nicht mehr ausschließlich dem Schutz vor Kälte, sie fungiert schon sehr lange auch als Statussymbol, das den Träger auf den ersten Blick aufwerten kann. Auch dient die Mode vielen Leuten, um ihre Haltung oder Einstellung auszudrücken. Dazu sind nicht mal zwangsläufig Statement-Shirts nötig, Springerstiefel und eine zerrissene Hose gepaart mit einem löchrigen T-Shirt sprechen schon auf den ersten Blick Bände für unsere Gesellschaft.

Mit Bekleidung, die als „komplett durchschnittlich“ in ihrer aktuellen Zeit angesehen wird, kann der Träger aber noch mehr anstellen: Er oder sie kann sich nahezu „unsichtbar“ machen. Einfache Jeans und ein Shirt ohne knallige Farben oder prägnante Aufdrucke würden heute dazu führen, dass dem Träger oder der Trägerin aufgrund ihrer Bekleidung keine besondere Beachtung geschenkt wird. Was übrigens nicht mit Ignoranz zu verwechseln ist, diese wird eher denjenigen Zuteil, die sozial eindeutig weiter unten stehen (Bettler oder Obdachlose beispielsweise). Die Nicht-Beachtung ist etwas, das dem sozialen Wesen Mensch ein spezielles Gefühl vermittelt: „Ich bin Teil dieser Menschenmenge. Ich wecke weder positive noch negative Aufmerksamkeit – ich bin also einfach ein normaler Teil dieser sozialen Gruppe. Ich gehöre dazu“.
Genau dieses Gefühl haben Menschen mit optisch sofort erkennbaren Beeinträchtigungen seltener. Besonders in der Öffentlichkeit, selbst in großen Menschenansammlungen wie auch in Fußgängerzonen größerer Städte, fallen uns jegliche „Abnormalitäten“ schnell auf und wecken dadurch verschiedene Gefühle: Von Neugier über Unsicherheit bis gar hin zur Abscheu, manchmal auch mit anschließendem Scham-Gefühl für die entdeckte Abscheu. Menschen fragen sich, ob sie wegschauen oder lieber versuchen, ganz normal zu schauen sollen, womit sie im selben Moment vergessen haben, wie sie eigentlich normalerweise schauen, weil sie ja nie darüber nachdenken. Diese Dinge laufen unterbewusst in Millisekunden ab und die entsprechenden Signale können wir nur schwer bis gar nicht verstecken.

Für Menschen mit Beeinträchtigung gibt es oftmals sehr funktionale Kleidung, was gut ist, denn es gibt ihnen ihre Handlungsfähigkeit und Autonomie zurück. Reißverschlüsse oder große Knöpfe statt dieser fummeligen kleinen dezenten Dinger, mit denen sich auch nicht-beeinträchtige Leute manchmal ganz schön plagen, zum Beispiel. Auch nicht scheuerndes Material ist eine nützliche Erfindung. Doch wie in der freien Marktwirtschaft üblich regelt vor allem die Nachfrage das Angebot: Bei einem „Nischenprodukt“ (wobei eine Nische ja immer relativ zu betrachten ist) auf das die Käufer angewiesen sind, sehen wirtschaftlich arbeitende Unternehmen umso weniger Spielraum für Wettbewerb, je weniger Konsumenten die Zielgruppe umfasst. Die wenigen Anbieter dieser Ware müssen also im Gegensatz zu Anbietern für deutlich größere Zielgruppen weniger Anpassungen an ihren Produkten vornehmen, es herrscht quasi eine „friss oder stirb!“-Mentalität. Dies führt nicht nur dazu, dass Preise verhältnismäßig hoch sind und man sich somit den Kauf neuer Produkte zwei Mal überlegt, sondern auch dazu, das nicht gerade sonderlich viel Vielfalt herrscht.
Dabei ist gerade Mode definitiv eine Produktkategorie, die sich in der modernen Gesellschaft durch Vielfalt auszeichnet. Mode ist an alles mögliche angepasst: Dicke, dünne, große, kleine, „Frauen in anderen Umständen“, Männer deren Arme lang sind obwohl der entsprechende Körperumfang dazu nicht selbiger Konfektionsgröße entspricht, Frauen die am Strand ihren Bauch kaschieren wollen, Frauen die am Strand ihren Bauch betonen wollen… Neben den vielfältigen Eigenschaften werden zusätzlich dabei auch die verschiedensten Geschmäcker bedient. Bei zweckgebundener Bekleidung ist dies nur selten der Fall. „Hauptsache, es passt“ ist dabei meistens die Devise. Und das ist unglaublich schade.

Genau darum ist mehr Vielfalt auf dem Markt der inklusiven Mode gut. Denn die Freiheit, sich die eigene Kleidung aus einem größeren Angebot aussuchen zu können, entspricht einer Selbstverständlichkeit, die jeder erwachsene Mensch ohne Beeinträchtigung in dieser Gesellschaft hat, und sie bedeutet so viel mehr als nur „Konsumgeilheit“, „Trendsetting“ und „Mitläufertum“.

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