Meine Wahltradition

Ich habe keine „besondere“ politische Geschichte; Ich komme aus einer Familie aus West-Deutschland, also hatten auch meine Eltern immer das Privileg frei und geheim wählen zu dürfen. Und trotzdem haben mir meine Eltern sehr früh, aber einfach und unaufdringlich beigebracht, wie wichtig Wahlen sind. Dabei haben sie übrigens gerade zu Wahlkampfzeiten ihre politische Gesinnung nicht gerade groß herausposaunt, weil sie mich und meinen Bruder wohl extra nicht beeinflussen wollten. Ich weiß bis heute nicht genau, welche Partei mein Vater wählt, obwohl ich seine generellen Ansichten natürlich kenne. Aber die Partei, die ich ihm gedanklich eigentlich immer zugerechnet hatte, hat er dieses Jahr mal ganz schön verflucht.

Als Kind fand ich Wahlen immer ziemlich doof. Im kleinen Dorf in dem ich aufwuchs war mein Vater Wahlhelfer. Zu jeder Wahl, egal ob Bundestags-, Landtags-, Europa- oder Kommunalwahl, zog mein Vater also sonntags seinen Anzug an und radelte in unser Wahllokal im Dorf. Von morgens bis abends, bis die Stimmen ausgezählt waren. Das war ein ganzer Sonntag, den mein Vater weg war, wie unfair! Aber meine Mutter hat mir erzählt, warum die Demokratie Wahlhelfer wie meinen Vater braucht, die keiner Partei angehören und denen die Dorfbewohner auch zutrauen, dass ihre Grundrechte gewahrt bleiben. Sie haben mir von den Pseudo-Wahlen in der DDR erzählt, und ich verstand es. Toll war das zwar immer noch nicht, aber dafür konnte ich stolz auf meinen Papa sein, der so ein wichtiger Mann war!

Ich bin bisher zu jeder Wahl gegangen, zu der ich wahlberechtigt war. Landtags- und Kommunalwahlen in Niedersachsen, Bundestagswahlen, und später in Hamburg auch Europawahlen und Bürgerschaftswahlen – alles dabei. Ja, selbst bei den ach-so-unwichtigen Europawahlen nehme ich teil. Wie die Urgroßeltern der Söhne von Herrn Buddenbohm sagen: Das ist doch ein Staatsakt. Es ist richtig und wichtig und für mich absolut selbstverständlich.

Nichtwählen ist für mich kein Protest, es ist was es ist: Nichtwählen. Vielleicht ist man zu faul, sich sonntags aus dem Haus zu begeben, vielleicht hat man auch einfach nur vergessen, das heute Wahlen sind. Oder man interessiert sich schlichtweg nicht dafür.
Auch ungültig Wählen als Protestform finde ich unsinnig. Wenn mir mal wieder ein junger Mensch begegnet, der mit großer Leidenschaft erzählt, dass er den Wahlzettel einfach durchstreichen wird, als Protest, weil ihm keine der Parteien zusagt, er aber selbstverständlich nicht nichtwählen will, und das so macht, weil genau das in seiner Familie ja Tradition ist, schüttele ich mittlerweile nur noch resigniert den Kopf. Ich weiß gar nicht mehr, was ich solchen Leuten antworten soll, deshalb bringe ich nur noch zum Ausdruck, dass ich darin keinen Sinn zu erkennen vermag.

Appelle aller Art im Sinne von „guckt, wie in arabischen Ländern die Leute für ein demokratisches System protestieren gehen, die sterben auf der Straße sogar dafür!“ wollte ich eigentlich nicht bringen. Aber hey, der Mauerfall ist noch gar nicht so lange her, ich könnte nicht behaupten, dass diese Zeiten „weit vor meiner Geburt“ gewesen wären, denn ich war ja längst geboren. Und vielleicht auch deshalb geht es mir nahe genug, um wenigstens noch zu sagen: Es ist noch nicht 18 Uhr.

Ein Gedanke zu „Meine Wahltradition“

  1. “Wenn mir mal wieder ein junger Mensch begegnet, der mit großer Leidenschaft erzählt, dass er den Wahlzettel einfach durchstreichen wird, als Protest, weil ihm keine der Parteien zusagt, er aber selbstverständlich nicht nichtwählen will, und das so macht, weil genau das in seiner Familie ja Tradition ist, schüttele ich mittlerweile nur noch resigniert den Kopf. Ich weiß gar nicht mehr, was ich solchen Leuten antworten soll, deshalb bringe ich nur noch zum Ausdruck, dass ich darin keinen Sinn zu erkennen vermag.“

    Du kannst den Menschen sagen, dass sie sich nur selbst bescheißen, denn ungültig wählen ist faktisch das gleiche wie nicht wählen. Ich verstehe immer noch nicht, wo der Hoax herkommt, es würde irgend etwas anderes sein, aber er hält sich hartnäckig.

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