Hamburger Dialekt ist doch kein Plattdeutsch!

Wie ihr vielleicht wisst, bin ich gebürtige Ostfriesin, die nun seit gut sieben Jahren in Hamburg wohnt. Zu Hause, also da in Niedersachsen und direkt an der Nordseeküste, wurde natürlich viel Plattdeutsch gesprochen. Und damit meine ich so richtiges Plattdeutsch, nicht den Hamburger Dialekt, der von Leuten aus der Fremde manchmal mit Plattdeutsch verwechselt wird. Ich spreche es zwar nicht fließend (in der Grundschule wurde ein freiwilliger Kurs angeboten – Hallo Uncoolness!), aber natürlich schnappte ich viele Vokabeln oder Redewendungen auf.

Die Tatsache, dass plattdeutsche Worte im Hamburger Dialekt auch öfter mal vorkommen, wenn auch mit deutlich mehr Hochdeutsch drumherum, führte einerseits dazu, dass ich mich hier sprachlich sofort heimisch geführt habe, im zweiten Schritt führte sie aber so manches Mal zu Verwirrungen, wenn das selbe Wort plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommt… Und als ich vor einiger Zeit den Artikel So geht Norddeutsch – Die Top 10 las (Leseempehlung!), fielen mir einige dieser alten Missverständnisse gleich wieder ein, weshalb ich sie hier mal gesammelt habe.


Platz 3: Altona Okay, das ist eigentlich ein Name… Genauer meint es die ehemals selbstständigen Stadt und heutigen Bezirk Hamburgs. Eine (von mehreren) Herleitungen erklärt auch das Missverständnis, das bei mir manchmal entstand: der Name „Altona“ soll aus dem Plattdeutschen „all to nah“, hochdeutsch also „allzu nah“, entstanden sein. Die erste Siedlung der Stadt war damals dem Hamburger Rat allzu nah an der Stadtgrenze, meint zumindest Wikipedia. Wenn also jemand davon spricht „eben nach all to nah zu fahren“, zweifelte ich immer ein wenig an den Grammatik- und Sprachkenntnissen der Person… Wobei sich dieses Missverständnis glücklicherweise schnell von selbst erledigt hat.

Platz 2: Tüddeln – die Hamburger Definition (siehe Link oben) ist ist mir da doch deutlich zu kurz – nicht in ihrer Erklärung, sondern in der Bedeutung. In meinem Sprachgebrauch umfasst tüddeln sogar eine ganze Menge Facetten. Wenn ein Kind (rum)tüddelt, ist es zappelig, wenn ich ein Date habe, werde ich vorher tüddelig (nervös), und wenn ein älterer Mensch langsam tüddelig wird, heißt das in etwa so viel, dass er erste Erscheinungen des Alters wie Vergesslichkeit, zittrige Hände und ähnliche Symptome aufweist. Nur mit Lügen hat meine Definition des Tüddelns so gar nichts gemein – die im Link beschriebene, gutmütige kleine Lüge findet sich eher als Nebendefinition des „Schnackens“. Obwohl das Tüddelig-Werden im Alter durchaus die ein oder andere Quatsch-Geschichte beinhalten könnte.

Platz 1: Der Mitschnacker. Ich war erst seit einigen Monaten in Hamburg, als ich im Büro meines Ausbildungsbetriebes gelangweilt eine von Joeys mitgelieferte Hamburger Morgenpost durchblätterte und über einen kleinen Randartikel stolperte: „Mitschnacker treibt in Harburg sein Unwesen“. Ich kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus – in einer Zeitung wird vor einem Mitschnacker gewarnt? Und da sagt man uns Ostfriesen Einfältigkeit nach! Wenn man in Hamburg sogar schon vor Menschen warnt, die in der Kneipe immer überall ungefragt mitreden müssen… Als ich am Folgetag in der Berufsschule einem gebürtigen Hamburger von diesem amüsanten Artikel erzählte, klärte er mich aber schnellstens auf: Ein Mitschnacker wird in Hamburg jemand genannt, der Kinder zwecks Entführung in sein Auto locken will – oha… „Lass dich nicht mitschnacken“ sagten meine Eltern als Kind nie zur Verabschiedung wie es hier in Hamburg durchaus verbreitet ist.


Zum Glück sind das auch die einzigen groben Missverständnisse, die das „scheinbare, aber doch nicht so richtige Plattdeutsch in Hamburg“ bei mir verursacht hat. Ich versteh schon, dass ihr eigentlich eine Buddel wollt, wenn ihr wat von Büddeln schnackt (und denke nicht an meinen Büdel, der ein Beutel ist), und auch wenn ich eher Kleimors zu eurer Schiedbüddel sagen würde, so sehe ich doch die liebevolle Seite dieser Anrede und hab vielleicht sogar mal ein Bontje da, wenn er was mit Bonsche nuschelt (und würde das natürlich nicht mit Boontjes verwechseln, denn Bohnen würde kein Kind freiwillig haben wollen).

Dass „mein“ Plattdeutsch nicht das einzig Wahre, das unveränderliche und statische ist, das ist mir von Kleinauf bekannt. Allein schon weil die drei umgebenden Erwachsenen, die sich am meisten für meine Erziehung verantwortlich zeigten, stets jeder einen eigenen Satz öfter mal wiederholten: „Lott dat wern“, „Lott dat blieven“ und „Lott dat no“ – und dabei doch alle das selbe sagen wollten: Kind, lass das! Die Spanne dieses einen Satzes reicht dabei übrigens vom liebevollen „Du ollen Kleimors“ bis „Holl dien beck“ – aber das ist eine andere Geschichte, die ich bei Gelegenheit vielleicht nochmal erzählen werde…

9 Gedanken zu „Hamburger Dialekt ist doch kein Plattdeutsch!“

  1. Ich habe noch zwei weitere, die auch über Hamburg hinaus funktionieren: Das ist ja gediegen. Das heißt höherklassig (deutsch) versus irgendwie komisch (niederdeutsch). Kann sich in seltenen Fällen natürlich treffen. Mein absoluter Liebling ist aber Moin. 99% der Deutschen und deren Katzen glauben, dass dieses Wort Morgen heißt. Sie irren natürlich.

  2. Sehr schöner Eintrag, vielen Dank! Ist es nicht auch so, daß sich auf Platt die Dialekte auch unterscheiden, ähnlich wie im Gälischen, das z.B. in Irland anders als in Schottland, Wales oder gar auf der Insel Man sehr anders gesprochen wird? Das Orstfriesische Platt hat wohl auch Unterschiede zum Nordfriesischen Platt oder dem Sölring der Sylter, das nur noch mit dem Helgoländer Halunder verwandt ist.
    Und wo kommt dann noch das Missingsch ins Spiel? Es scheint kompliziert. 🙂

    1. Richtig, „ein“ Plattdeutsch gibt es nicht, sondern sehr viele. Wobei Missingsch übrigens noch etwas anderes ist (das ist ja einer der Hamburger Dialekte). Selbst innerhalb von Ostfriesland gibt es ziemlich viel Mischmasch, siehe die drei Sätze für „lass das“ – die Geburtsorte der drei Personen liegen keine 40 km voneinander entfernt. Einmal direkt an der Küste, da stecken mehr englische Vokabeln drin und dann weiter ins Binnenland ist es im Klang schon wieder deutlich ähnlicher zu Hochdeutsch. Es ist wirklich kompliziert 😉

  3. An de Eck steiht ´n Jung mit´n Tüddelband…

    Damit ist dann wohl ein Metal- oder Holz-Reifen gemeint, der mit einem Stock auf der Straße in Bewegung gehalten wurde. Manche meine aber auch, dass es sich um Paketband handeln könnte. Ich befürchte es wird für beides verwendet.

    Als kleine Ergänzung zum Tüddeln.

    Ach und Missingsch ist natürlich mit Vokabeln aus dem Niederdeutschen angereichert. Also könnte man diese alleine stehen durchaus als Platt interpretieren. 😉

  4. Hey Talinee, schöner Artikel. Aber es gibt – neben dem Missingsch – natürlich auch ein Hamburger Platt. Das wiederum enthält auch Elemente des Missingsch – joa is nich so laicht mit di Sprack. Mein Vater spricht Hamburger Platt. Und so ist mir vollkommen klar, was Du mit einem Büdel (so würde ich es schreiben 😉 ) meinst. Ebenso wie meinen Eltern und meinen Schwiegereltern (alle „richtige“ Hamburger) Ich hatte auch gesehen, dass Du mal nach „der richtigen“ Schreibweise für’s Platt gesucht hast. Nach allem was ich weiß, ist es keine verbindliche Schriftsprache und deswegen gibt es keine verbindlichen Regeln. 🙂 LG Nina

    1. Zur Schriftsprache ist mit Der Neue Saß empfohlen worden. Es gibt keine so verbindlichen Regeln wie im Hochdeutschen durch den Duden, aber es gibt zumindest mit dem neuen Saß ein schönes, sehr umfassendes Nachschlagewerk, das auch alle Regionen Norddeutschlands einschließt und ihre verschiedenen Eigenarten enthält – also zum Beispiel die Schreibweise der Ostfriesen, der Nordfriesen und einzelner anderer Regionen. Die können nämlich, durch verschiedene Aussprache, sehr unterschiedlich sein.

  5. Hallöchen, hab grad festgestellt, dass du auf mich verlinkt hast und freue mich sehr, dich zu einer so schönen Geschichte inspiriert zu haben. Mitschnacker – herrlich. In meiner Kindheit war es sehr gängig, vor selbigen zu warnen. Viele Grüße Nicole oder nic

  6. Nach 10 Jahren in Hamburg stolper ich immer noch über so manche Sprachfeinheit. Danke dir für den schönen Beitrag.
    Ich mag deinen Blog sehr und lese ihn regelmässig. Daher, nominiere ich dich heute für den Liebster Award! Schau mal hier: http://www.wp.me/p3ZPsa-64. Ich freue mich auf deine Antworten!

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