Gelesen: Boris Meyn – Der Kuss

obs/Osburg Verlag
Bild: obs/Osburg Verlag
Schon vor über zwei Monaten bekam ich eine nette Mail vom Osburg Verlag, ob ich nicht Lust hätte, das neue Buch vom Hamburger Autor Boris Meyn zu lesen und zu rezensieren. Und natürlich hatte ich Lust, ich bin ja doch eine ziemliche Leseratte. Auch wenn ich sonst lieber Krimis lese, für die Boris Meyn eigentlich bekannt ist, hab ich auch nichts dagegen mal was anderes auszuprobieren. „Der Kuss“ ist nämlich alles andere als ein Krimi, viel mehr ein in meiner Wahlheimat Hamburg angesiedelter Roman, der zwischen den Siebzigern und dem Jetzt hin und her pendelt.


Der Klappentext sagt Folgendes:

Der Bildhauer Peter Baumann verfügt über eine geheimnisvolle Gabe. Er kann seine Mitmenschen bezaubern. Doch seine Fähigkeit wird ihm mehr und mehr zur Last. Wer ihn liebt, will ihn nach kurzer Zeit für sich ganz allein. Ein abgeschiedener Ort an der bretonischen Atlantikküste dient ihm jahrzehntelang als Zufluchtsort vor zu viel Liebe. Bis ihn ein rätselhafter Verrechnungsscheck in Millionenhöhe erreicht.

Das klingt zunächst ein bisschen surreal, fand ich jedenfalls. Doch der Einstieg in das Buch ist schnell gefunden, die „Fähigkeit“ der Protagonisten ist weit weniger mystisch als hier durchklingt und der riesige Scheck ist auch nur noch halb so rätselhaft, weil man immerhin weiß, von wem er kommt. Spannung bleibt trotzdem erhalten – sechs Millionen Euro sind ja nun nicht gerade Wenig, vor allem wenn man nicht weiß, warum man sie bekommt.

Autor Meyn gelingt es mit seiner Art zu schreiben sehr schnell, mich in seinen Bann zu ziehen. Die Kapitel wechseln sich ab: Die Gegenwart und das Hamburg der Siebziger Jahre, als Baumann dort ankam und sein Studium an der Kunsthochschule begann. Die ersten Ortsbegehungen der typischen Hamburger Sehenswürdigkeiten wie Jungfernstieg und Co mögen manchem Hamburger nach vielen anderen Büchern vielleicht schon zum Hals raushängen, glücklicherweise fasst Meyn sich hier durchaus kurz. Die Beschreibungen verschiedenster Orte, die nicht gerade als typische Touristen-Hot-Spots herhalten, sind mir dagegen angenehm in Erinnerung geblieben. Vor allem fasziniert mich die Darstellung der Unterschiede von damals zu heute, der Protagonist war fast vierzig Jahre nicht in Hamburg und vergleicht also eine weite Spanne ohne Zwischenschritte.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Umschreibung der Gegend Neuhof, wo Student Baumann eine abrissreife Wohnung in der Nippoldstraße bezieht, die eigentlich niemandem mehr zuzumuten wäre, weil das ganze Viertel bald dem Hafenausbau weichen soll. Meyn lädt außerdem zu zahlreichen Ausflügen in die Welt der Kunst und Bildhauerei ein. Insbesondere Letztere ist für mich wirklich wildfremd, aber dank der kurzweiligen Feder Meyns waren diese Exkurse jedenfalls nicht langweilig.

Wenn ihr euch nun wundert, warum ich so wenig zur Handlung sage: Nun, so viel Handlung findet tatsächlich nicht statt. Wer diesen Roman lesen will, sollte sich darauf einstellen, dass hier viel und langatmig beschrieben wird und dabei wenig passiert. Die Handlung ist eher eine nötige Nebentätigkeit, damit der Protagonist ein bisschen durch die Stadt rumkommt und Gelegenheit hat, von damals und heute zu erzählen. Aber das ist vollkommen in Ordnung. Zum Ende hin klären sich all die vielen kleinen Rätsel, die am Anfang aufkommen. Selbst das Ende gefällt mir irgendwie gut, obwohl es definitiv keine positiven Gefühle bei mir ausgelöst hat. Es gibt kein kitschiges Happy End, und auch keinen abgerissenen Faden der den Leser alleine lässt, das gefällt mir sehr gut. Außerdem ist es nachvollziehbar, also realitätsnah, authentisch und echt. Ich weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken könnte.

Alles in allem hat mir „Der Kuss“ wirklich gut gefallen, auch wenn es nicht gerade das ist, was ich sonst so lese und ich nach den kurzen Informationen zum Autor und Buch vorher auch etwas ganz Anderes erwartet hatte. Vielleicht ist auch gerade das der Reiz daran.

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