Zuhause und doch nicht daheim

Es ist ein Sonntag im Januar, es regnet in Strömen und ein Sturm zieht dieses Wochenende auch noch durch den Norden. Mir ist langweilig, Serien mag ich heute nicht mehr gucken und auch sonst kann ich gerade nicht viel mit mir anfangen. Nebenbei schreibe ich mal wieder mit der besten Freundin aus der alten Heimat, einem kleinen ostfriesischen Fischerdorf, und klage ihr dabei mein Leid. Ihre Reaktion ist eindeutig: „Dir ist langweilig? Du wohnst in der schönsten Stadt der Welt und dir ist langweilig?!?

Okay, meine Langeweile ist wohl ein Luxusproblem, zugegeben. Aber… Was soll ich denn machen? Etwa raus in den Regen?!
Weißt du nicht mehr, wie wir als Kinder bei Sturm immer an den Hafen gegangen sind? Der Parkplatz war längst überflutet und wir warteten auf die letzte Fähre, die meinen Vater von der Arbeit auf der Insel nach Hause brachte. Meine Mutter nahm uns beide an eine Hand, damit wir Lütten nicht vom Wind weggetragen wurden oder einfach den riesigen Wellen entgegen ins Meer sprangen, weil diese Naturgewalt so verlockend wirkte.
Damals war der Regen überhaupt kein Problem. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, dass es geregnet hätte, aber da es bei den meisten Stürmen auch immer ein wenig regnet ist das wohl anzunehmen. In dieser Erinnerung strahlt alles, selbst die riesigen dunklen Wolken. Und an nasse Füße kann ich mich ebenfalls nicht erinnern. Muss wohl schön gewesen sein, damals.

Na gut, in leicht melancholischer Stimmung versuche ich mich also einigermaßen wetterfest zu machen und dem Fähranleger an den Landungsbrücken einen Besuch abzustatten. Die Sturmwarnung war jedoch schon einigermaßen ernst, ob da überhaupt noch Fähren unterwegs sein werden? Ich steige in die U3 und „an den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“ … wieso habe ich nach so vielen Jahren eigentlich immer noch das Lied von Kettcar im Ohr, wenn ihr hier aus- oder umsteige? Hört das wohl jemals auf?
Ich gehe die Treppen runter und rutsche ein bisschen auf der Holzbrücke zum Anleger herum. Fähren sehe ich keine, aber gegen den Wind fällt länger hochgucken sowieso zu schwer. Alle Möglichkeiten sich unterzustellen sind von mehr oder weniger mürrisch dreinblickenden Touristen und Hamburgern ausgefüllt. Aber meine Hose ist ohnehin schon nach diesen wenigen Schritten weitestgehend durchnässt, also ist es eigentlich auch egal. Dann laufe ich zur nächsten Fähren-Station, dem Fischmarkt einfach ein bisschen am Wasser entlang. Der Regen wird etwas weniger, meine Laune hebt sich schon etwas. Unterwegs sehe ich neben mir tatsächlich mehrere Fähren in Betrieb, die nahezu halsbrecherisch durch die Wellen rasen. Bei dem Gegenwind ist langsamer fahren vermutlich auch gar nicht möglich, wenn man vom Fleck kommen will. Vor dem U-Boot-Museum sind bereits riesige Pfützen zu sehen und ich verfluche mich selbst erneut dafür, keine Gummistiefel zu besitzen. Aber noch kann ich zum Glück trockenen Fußes außen herum laufen. Der Platz direkt vor der Fischauktionshalle ist da schon schwieriger, das Wasser reicht nämlich bereits bis an die Große Elbstraße, und die wenigen flachen Bereiche sind voller Menschen, die wohl eine ähnliche Idee hatten wie ich. Zum Fähranleger ist hier definitiv kein Durchkommen mehr, dabei ist Hochwasser erst in einer halben Stunde angekündigt.

CC by 2.0 by Andreas Kollmorgen
CC-by 2.0 by Andreas Kollmorgen

Ich ergebe mich der Situation und wechsele schon mal die Straßenseite, in Gedanken verabschiede ich mich für heute vom Wasser. Ich gehe irgendeine der viel zu steilen Treppen hinauf, kaum kann ich über die letzten Stufe gucken drückt der Wind mich beinahe zu einem wirklich fiesen Fall wieder herunter. In welcher Straße bin ich hier eigentlich? Orientierungssinn oder gar das Merken von Straßennamen gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Egal, einfach nach rechts, dann komme ich früher oder später schon wieder irgendwo hin wo ich mich auskenne. Zwischen den Hochhäusern pfeift ein richtiger Föhn, erst da wird mir bewusst, dass der Regen mittlerweile vollständig aufgehört hat. Am Ende der Straße bin ich schon beinahe wieder richtig trocken. Und wenn ich hier schräg abbiege, lande ich auch wieder an der U3-Station, an der ich heute gestartet bin.

Hamburg, du bist das zu Hause meiner Wahl, und den Titel schönste Stadt der Welt kann ich dir nur bestätigen. Doch der schönste Ort der Welt, der bleibt für mich weiterhin woanders: Mein Heimathafen – ein Hafen, der das Meer nicht nur in Sicht- sondern auch in Reichweite hat und in dem es bei Sturm mehr nach Salzwasser als nach altem Fisch riecht. Ein Ort voller Erinnerungen, wo man bei Sturm und Regen nicht nass wird, man gemeinsam mit der besten Freundin vor Freude jauchzt und an dem einen starke Hände festhalten. Der schönste Ort der Welt liegt für mich eindeutig in meiner Kindheit an der Nordsee. Sorry, Hamburg, gegen imaginäre Orte hast du leider keine Chance. Aber für die Realität bist du schon ziemlich in Ordnung.

Kommentar schreiben