Wie funktioniert das, Flüchtlingen helfen?

Am Wochenende wurde ich, wie so häufig in letzter Zeit, nach meinem Engagement in der Kleiderkammer Messehallen gefragt. Viele Leute mit denen ich darüber sprach, konnten sich nur schwer vorstellen wie das eigentlich funktioniert, was man da so macht, welches Ausmaß die ehrenamtliche Hilfe mittlerweile angenommen hat. Deshalb schreibe ich heute mal meinen persönlichen Eindruck der letzten Wochen dazu nieder, natürlich in der Hoffnung, so noch mehr Menschen zu erreichen und vielleicht bestehende Berührungsängste damit abzubauen.

Foto: Niklas Heimbokel
Die Messehalle A3 im Überblick – Foto: Niklas Heimbokel

Zum Aufbau, Ablauf und Generelles über die Kleiderkammer Messehallen empfehle ich das folgende Video. Der NDR hat für die Dokumentationsreihe „7 Tage“ eine Folge in den Messehallen gedreht. Das ist schon eine Weile her, aber das meiste stimmt natürlich immer noch. Derzeit befindet sich die Kleiderkammer in der Messehalle A3 (das ist am Eingang West, also ungefähr Sternschanze), ab dem 13. November gehts wieder zurück nach B7 (auf dem Messegelände südlich, in der Straße Holstenglacis).

Allerdings ist das große Gewusel schon lange nicht mehr so groß: Der Hype ist langsam vorbei, das Thema gerät auf Facebook und Co allmählich in Vergessenheit, weil jeder mal da war und sein Selfie vor Ort aufgenommen und gepostet hat und sich nun wieder dem Alltag widmet.

Aber die Flüchtlinge bleiben, und es werden täglich immer noch mehr.
Bei jeder Ausgabe sind wieder 50, 200, 750 Neuankömmlinge zu versorgen, die nichts mehr besitzen als das, was sie am Leib tragen.

Foto: Inga Jorns
So sieht es bei einer Ausgabe aus – Foto: Inga Jorns

Zuletzt half ich bei einer Ausgabe für Männer in der Zentralen Erstaufnahme (ZEA) Bargkoppelstieg, die sich im ehemaligen Globetrotter Logistikzentrum in Meiendorf befindet. An einem Wochenende sollten dort 750 neu angekommene Männer zum ersten Mal mit Kleidung versorgt werden. Das bedeutet, jeder Flüchtling bekam eine Zuteilung, wann er zur Ausgabe kommen durfte (Samstag Vormittag, Samstag Nachmittag, Sonntag Vormittag oder Sonntag Nachmittag) und stand dann in einer langen Schlange an. Innerhalb eines sonst als Lager dienenden Raumes wurden fast direkt vor der Tür innen mehrere Tische als „Theke“ aufgestellt. Vor Ort wurden ehrenamtliche Helfer verschiedenen Positionen zugeteilt. Im Raum wurden Regale nach System aufgebaut. Für mehrere Sprachen standen Übersetzer bereit – entweder Ehrenamtliche, oder Flüchtlinge aus der Unterkunft, die gut Englisch sprechen.
Sechs Leute als „Ausgeber“ mit jeweils zwei „Läufern“ bei sich versorgten dann im Akkord Menschen. Man schätzt die Kleidergröße im System S-XL ab und holt ein fertig gepacktes Starterpaket in der jeweiligen Größe. Ein solches Paket ist eine Tasche mit einem T-Shirt, einem Pullover, einem Paar Socken, einem Teil Unterwäsche, einer Jogginghose, einem Schal und einer Mütze. Pullover und Hose werden kurz angehalten, um zu überprüfen ob die Größe auch wirklich passt. Hinzu kommt dann noch ein Paar Schuhe sowie eine Winterjacke. Diese sind nicht mit im Paket vorgepackt, weil jemand mit Kleidergröße S nicht zwangsläufig gerade Schuhgröße 39 etc. trägt.
Foto: Arnd Boekhoff‎
Ein Mädchen probiert neue Schuhe an – Foto: Arnd Boekhoff‎

Um zu vermeiden, dass ein Flüchtling jedes Mal zur Ausgabe kommt und sich immer wieder eine solche Erstaustattung abholt, werden die ID-Cards, eine Art Papierausweis, der von der Unterkunft ausgestellt wird, mit einer Zange gelocht.

Das Verhalten und die Reaktionen der Menschen sind selbstverständlich individuell – die romantische Vorstellung, dass jeder Flüchtling Tränen in den Augen vor Dankbarkeit hat, sollte man sich schnell aus dem Kopf schlagen. Manche sind schon so, doch andere eben, natürlich, ganz anders. Von Dankbarkeit, (falschem?) Stolz über Wut oder vollständiger Lethargie sah ich so ziemlich das ganze Spektrum an Reaktionen.

Persönlich habe ich in den letzten Wochen viel über menschliches Verhalten und vor allem auch über mich selbst gelernt. Wo meine physischen und psychischen Belastbarkeitsgrenzen liegen und wie ich mich selbst davor bewahre, sie zu überschreiten zum Beispiel. Außerdem habe ich neue Stärken und Talente an mir gefunden, die ich bisher nicht erahnte. Aber vor allem hat sich mein Blick auf andere Menschen verändert. Und ich meine das nicht nur bezogen auf „Flüchtlinge“, sondern ganz allgemein auf Menschen – Fremde genauso wie Leute, die gemeinsam mit mir tätig sind oder waren.

Es ist den meisten Hamburgern wohl mittlerweile zu Ohren gekommen: Viele Helfer der ersten Stunden sind mittlerweile ausgebrannt und können nicht mehr. Besonders deshalb möchte ich an jene appellieren, die bisher nur den Gedanken im Hinterkopf hatten „Man müsste mal etwas tun…“. Setzt den guten Vorsatz in die Tat um und probiert es mal aus. Es tut nicht weh und ihr müsst euch auch nicht gleich auf Wochen zu irgendwas verpflichten.
Es gibt so viel zu tun, dass für jeden etwas dabei ist, auch wenn man zum Beispiel nicht so sehr auf große Menschenansammlungen steht oder aber sich besonders gerne durch individuelle Talente wie Fahrrad-Reparatur, musikalische Fähigkeiten usw. einbringen will. Auf Hamburg.de gibt es eine umfangreiche Liste von Helfergruppen an verschiedensten Orten und zu verschiedenen Themen.

Ein Gedanke zu „Wie funktioniert das, Flüchtlingen helfen?“

  1. Schöner Beitrag, Taalke. Gerade den Satz

    „Persönlich habe ich in den letzten Wochen viel über menschliches Verhalten und vor allem auch über mich selbst gelernt. Wo meine physischen und psychischen Belastbarkeitsgrenzen liegen und wie ich mich selbst davor bewahre, sie zu überschreiten zum Beispiel.“

    kann ich so unterschreiben. Ich habe jetzt erst mal eine Pause beim Kleidersortieren eingelegt, weil ich durch war. Ab Mitte November will ich wieder mithelfen. Ich mache bewusst keine Ausgabe der Kleidung oder ähnliches, weil ich gemerkt habe dass mir das zu nahe geht. Die Geschichten, die die Mädels bei der Sortierung oft erzählen, sind so bedrückend. Die „indirekte“ Hilfe liegt mir mehr. Man muss da gut auf sich achten! Und mein Blick auf Menschen hat sich auch verändert. In den letzten Wochen sprachen mich oft Flüchtlinge auf der Durchreise an und fragten, ob ihr Ticket richtig sei oder wo sie genau in den Zug müssten. War ich vorher an Bahnhöfen eher genervt, helfe ich jetzt gerne und erkläre so lange bis alles klar ist.

    Du hast mich dran erinnert dass ich da auch mal wieder drüber bloggen muss, danke dafür 🙂

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